Ein Gespräch über Kontrolle, Vertrauen und die Freiheit mit Unsicherheit zu leben
Stell dir vor, du hältst ein Seifenblasenset in der Hand. Du pustest hinein, eine schillernde Kugel steigt auf, glänzt in der Sonne und im nächsten Moment ist sie weg. Einfach zerplatzt. So oder so ähnlich verhält es sich mit den meisten Vorstellungen von Sicherheit, die wir uns im Laufe unseres Lebens zurechtgelegt haben. Sie sehen wunderschön aus. Sie fühlen sich beruhigend an. Aber in ungewissen Zeiten halten sie irgendwie nicht stand.
Frag zehn Menschen, was sie sich im Leben am meisten wünschen, und die meisten werden dir dieselbe Antwort geben: „Ich möchte einfach Sicherheit.“
Ein sicherer Job. Ein sicheres Einkommen. Eine sichere Beziehung. Ein sicheres Zuhause. Ein sicherer Plan für die Zukunft. Klingt vernünftig. Klingt erwachsen. Klingt nach jemandem, der sein Leben im Griff haben will.
Aber halt kurz inne und frag dich ehrlich: Hast du diese Sicherheit jemals irgendwo tatsächlich gesehen? Nicht als Werbeversprechen einer Versicherung, nicht als Floskel in einem Bewerbungsgespräch, sondern als reale, greifbare, dauerhafte Tatsache? Vermutlich nicht. Und genau darüber lohnt es sich zu sprechen.
Ein Wort, das jeder benutzt und kaum niemand wirklich definieren kann
Ich sehe das Wort Sicherheit als eines der missverständlichsten Wörter der deutschen Sprache an. Jeder verwendet es. Kaum jemand meint dasselbe damit. Es ist halt eine sehr individuelle Sache.
Für den einen bedeutet Sicherheit ein unbefristeter Arbeitsvertrag mit Stempel und Unterschrift. Für jemanden anderen bedeutet es eine bestimmte Zahl auf dem Kontoauszug. Wieder jemand anderes fühlt sich sicher, wenn alle Familienmitglieder gesund sind. Und manch einer empfindet ausgerechnet die Freiheit, jederzeit alles hinter sich lassen zu können, als seine größte Sicherheit.
Alle benutzen dasselbe Wort. Alle meinen etwas völlig anderes. Und genau dort, in dieser babylonischen Verwirrung, beginnt der Denkfehler, der uns ein Leben lang beschäftigen kann. Wir jagen einem Gefühl hinterher, das wir nicht einmal einheitlich definieren können.
Sicherheit oder Gewissheit? Verwechseln wir da nicht etwas?
Hier ein Gedanke, der unbequem sein mag, aber schwer wieder loszulassen. Die meisten Menschen suchen gar nicht nach Sicherheit. Sie suchen nach Gewissheit. Sie wollen wissen, dass ihr Job auch nächstes Jahr noch existiert. Dass die Beziehung für immer hält. Dass die Gesundheit bleibt. Dass die Investition aufgeht. Dass die Welt sich brav an ihren Plan hält.
Und jetzt die unbequeme Gegenfrage: Woher, bitte, sollte diese Gewissheit kommen? Kein Arbeitgeber kann sie dir geben. Unternehmen werden verkauft, umstrukturiert, zusammengeführt. Heute schneller als noch vor 10 Jahren. Keine Bank kann dir Sicherheit geben. Zinsen schwanken, Märkte kollabieren, das ist nun mal so. Keine Versicherung kann sie dir geben, denn sie deckt Schäden, nicht das Leben selbst. Dein Partner kann sie dir auch nicht geben. Menschen verändern sich, Wege trennen sich. Nicht einmal dein eigener Körper kann sie dir geben. Er altert, er wird verletzlich, er überrascht dich manchmal von einem Tag auf den anderen.
Das Leben verändert sich ständig. Manchmal schleichend wie eine Ebbe, die man erst bemerkt, wenn das Boot bereits auf dem Sand liegt. Manchmal abrupt wie ein Blitzeinschlag an einem wolkenlosen Tag. Vielleicht liegt die eigentliche Illusion also nicht darin, dass wir Sicherheit wollen. Sondern darin, zu glauben, irgendjemand oder irgendetwas könnte sie uns dauerhaft, vollständig und bedingungslos liefern.
Wir verleihen unsere Verantwortung wie einen Kredit, den wir nie zurückfordern
Es gibt ein Muster, das sich durch fast jedes Leben zieht. Wir übertragen unsere eigene Sicherheit an andere Instanzen. Fast wie ein stiller Vertrag, den niemand unterschrieben hat (und auch nicht unterschreiben wird), an den sich aber trotzdem alle halten sollen. Zumindest so, dass es zu unseren Gunsten ausfällt.
Der Arbeitgeber soll Sicherheit geben. Der Staat soll Sicherheit geben. Der Partner soll Sicherheit geben. Das Haus soll Sicherheit geben. Das Ersparte auf dem Konto soll Sicherheit geben. All diese Dinge können durchaus ein Gefühl von Stabilität erzeugen, keine Frage. Aber keines davon kann garantieren, dass morgen alles genauso aussieht wie heute.
Und genau darin liegt die Falle. Je mehr wir unsere Sicherheit an äußere Umstände knüpfen, desto verletzlicher machen wir uns selbst. Wir geben mit jeder Übertragung ein Stück Kontrolle aus der Hand.
Hängt dein Sicherheitsgefühl ausschließlich am Arbeitgeber, reicht eine einzige Kündigung, um dein ganzes Weltbild ins Wanken zu bringen. Hängt es nur am Kontostand, genügt ein finanzieller Rückschlag, um dein Selbstvertrauen komplett zu erschüttern. Nicht, weil Geld oder ein stabiles Einkommen unwichtig wären, natürlich sind sie das nicht. Sondern weil wir ihnen eine Aufgabe aufgebürdet haben, die sie strukturell niemals erfüllen können. Die Aufgabe, Kontrolle über ein grundsätzlich unkontrollierbares Leben zu garantieren.
Frag dich einmal ehrlich: Wie viele deiner Sicherheitsgefühle hängen gerade an Dingen, die du in Wahrheit nicht selbst beeinflussen kannst?
Wie sich meine eigene Vorstellung von Sicherheit verschoben hat
Früher dachte ich, wie sollte es auch anders sein, ähnlich wie die meisten Menschen um mich herum. Ein sicherer Job. Ein regelmäßiges Einkommen. Eine feste Wohnung. Ein geregeltes, vorhersehbares Leben. Das klang vernünftig. Und für den Moment, in dem ich es dachte, war es das vermutlich auch.
Doch je mehr sich mein eigenes Leben veränderte, desto mehr begann sich meine Definition von Sicherheit zu verschieben. Als ich Deutschland verlassen habe, war vieles alles andere als sicher im klassischen Sinn. Kein Sicherheitsnetz. Kein bekannter Boden unter den Füßen. Später folgten weitere Umzüge, neue Länder, neue Sprachen, neue Jobs, neue Herausforderungen, die niemand im Voraus planen konnte und die ich mir vorher nicht einmal vorstellen konnte.
Von außen betrachtet hätte man vermutlich gesagt: „Das klingt aber unsicher.“ Ich habe es irgendwann anders empfunden. Nicht, weil plötzlich alles planbar geworden wäre, das war es nie und wird es auch nie sein. Sondern weil ich begonnen hatte, mir selbst zu vertrauen.
Ich wusste nicht, was als Nächstes kommen würde. Aber ich wusste, dass ich einen Weg finden würde, damit umzugehen. Und genau an diesem Punkt begann für mich eine völlig andere Form von Sicherheit, die nicht von außen kam, sondern von innen wuchs.
Ist Vertrauen die eigentliche Sicherheit?
Die folgende Aussage hat meine Sicht auf das Leben grundlegend verändert: „Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass nichts Unvorhergesehenes passieren darf. Sie entsteht durch gewachsenes Selbstvertrauen.“
Nicht das Vertrauen in den perfekten Plan. Nicht das Vertrauen in die Wirtschaft. Kein Vertrauen in die Politik. Nicht einmal Vertrauen in das Wetter von morgen. All das wird dir niemals Sicherheit geben können. Aber das Vertrauen in unsere eigene Fähigkeit, mit Veränderung erfolgreich umgehen zu können, ändert alles.
Das Leben wird immer Überraschungen bereithalten, daran ändert kein noch so durchdachter Fünfjahresplan etwas. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob sie kommen. Die Frage lautet, wie wir ihnen begegnen, wenn sie da sind. Also wie wir sie für uns nutzen können.
Je mehr ich “unterwegs” war, desto weniger brauchte ich Gewissheit und desto größer wurde mein Vertrauen. Nicht weil ich plötzlich alles wusste, sondern weil ich immer wieder erlebt hatte, dass sich Lösungen genau dann zeigen, wenn Probleme für sie auftauchen. Vorher sind sie unsichtbar. Man kann sie nicht herbeiplanen. Man kann nur lernen, mit ihnen selbstsicher umzugehen.
Die größte Sicherheit trägt niemand für dich
Vielleicht ist das der unbequemste Gedanke des ganzen Textes: „Niemand kann dir die Sicherheit geben, nach der du suchst.“ Nicht dauerhaft. Nicht vollständig. Nicht bedingungslos.
Das klingt zunächst ernüchternd, fast wie ein Schlag ins Gesicht. Für mich war es irgendwann befreiend. Denn wenn niemand anders dafür verantwortlich ist, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass ich nicht länger darauf warten muss. Ich kann anfangen, sie mir selbst aufzubauen.
Aufbauen durch Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe. Durch Wissen, das ich mir angeeignet habe. Fähigkeiten, die ich trainiert habe, oder Menschen, auf die ich mich tatsächlich verlassen kann. Vor allem aber durch das Vertrauen, dass ich auch mit unerwarteten Situationen umgehen kann, wenn sie eintreten.
Das ist eine Form von Sicherheit, die dir niemand nehmen kann. Kein Arbeitgeber, keine Krise, kein Zufall. Denn sie liegt nicht außerhalb von dir. Sie liegt in dir.
Die Illusion vom perfekten Schutz
Wir verbringen einen erstaunlich großen Teil unseres Lebens damit, uns gegen alles absichern zu wollen. Gegen Jobverlust. Gegen Krankheit. Gegen Enttäuschung. Gegen das Unbekannte. Als könnte man das Leben bruchsicher einpacken und so vor jedem Stoß bewahren. Genau so hatte ich lange Zeit gedacht.
Doch das Leben funktioniert nicht wie ein Vertrag mit Kleingedrucktem, den man nur sorgfältig genug lesen müsste, um jede Klausel zu kennen. Es bleibt unberechenbar. Punkt.
Vielleicht liegt genau darin seine Schönheit. Denn dieselbe Unsicherheit, die uns nachts wachhält, ist auch der Grund, warum es überhaupt neue Begegnungen gibt. Neue Chancen. Neue Wege. Neue Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Wäre alles vorhersehbar, gäbe es keine Abenteuer. Keine Überraschungen. Keine echte Entwicklung, denn Wachstum findet dort statt, wo die Unsicherheit herrscht.
Vielleicht ist Unsicherheit deshalb nicht der Feind eines guten Lebens. Vielleicht ist sie der Preis, den man für ein lebendiges Leben zahlt. Wärst du bereit, diesen Preis zu zahlen? Oder ziehst du es vor, in einem vermeintlich sicheren Käfig zu bleiben, dessen Gitterstäbe irgendwann durchrosten und du wieder auf dem Boden der Tatsachen landest?
Zusammenfassung
Je länger man über Sicherheit nachdenkt, desto weniger lässt sie sich im Außen finden. Nicht im Job. Nicht auf dem Konto. Nicht in einem Haus. Nicht einmal in einem noch so durchdachten Plan.
All diese Dinge können Stabilität schaffen, keine Frage, und niemand sollte sie deshalb geringschätzen. Aber garantieren, dass sie dir ultimative Sicherheit im Leben geben, können sie nie.
Die einzige Sicherheit, die mit jeder Erfahrung tatsächlich wachsen kann, ist dein Vertrauen in dich selbst. Das Vertrauen, dass du auch dann einen Weg findest, wenn das Leben plötzlich eine völlig andere Richtung einschlägt, als du geplant hattest. Für mich ist genau das die beste Form von Sicherheit, die es gibt. Nicht die Gewissheit, dass nichts passiert. Sondern das Vertrauen, mit dem umzugehen, was auch immer kommt.
Und jetzt bist du dran
Wenn du das Wort Sicherheit hörst, woran denkst du als Erstes? An einen Vertrag? An ein Konto? An einen Menschen? Oder vielleicht, ganz insgeheim, an dich selbst?
Was bedeutet Sicherheit für dich persönlich? Und hat sich deine Antwort im Laufe deines Lebens verändert?
Ich bin gespannt auf deine Gedanken in den Kommentaren.