Der Moment in dem alles fließt

Es gibt diesen einen Moment, für den es eigentlich kein gutes deutsches Wort gibt. Im Englischen wird er Flow genannt. Oder auch, der Moment, in dem die Kellnerin mich anstupsen musste, weil ich nicht mehr in dieser Welt war. Aber der Reihe nach.

 

Eutin, ein Restaurant, ein Laptop

Ich saß in Eutin, dieser beschaulichen kleinen Stadt in Norddeutschland, die aussieht, als hätte sie sich bewusst entschieden, niemals hektisch zu werden. Ich saß in einem Restaurant, an einem Tisch und hatte meinen Laptop offen. Ich wollte eigentlich nur schnell ein paar Zeilen schreiben, bevor das Essen kommt. Das war die Idee. Diese hatte nicht lange überlebt.

Denn sobald ich zu schreiben begann, passierte etwas, das ich mittlerweile fast schon reproduzierbar nennen würde. Die Welt um mich herum bekommt den Ton abgedreht. Nicht leiser. Sondern ausgeschaltet. Die Gespräche am Nachbartisch, das Klappern des Geschirrs, die Straße draußen, alles weg. 

Nicht, weil ich mich konzentriere wie ein Mönch im Kloster, sondern weil das, was ich gerade tat, offenbar genau da hingehörte, wo ich gerade war. Genau darum soll es heute gehen. Um diesen Zustand, den viele suchen und die wenigsten regelmäßig finden.

 

Wann fühlst du dich wirklich voll im Flow?

Das ist die Frage, die ich dir heute stelle, bevor ich überhaupt weiterzähle. Wann fühlst du dich wirklich voll im Flow? Denk kurz nach. Ich meine nicht den Moment, in dem du produktiv warst. Sondern den Moment, in dem du schlicht vergessen hast, dass die Zeit existiert.

Vielleicht war es beim Kochen, beim Sport, beim Reparieren von irgendetwas, das eigentlich niemand reparieren wollte außer dir. Vielleicht war es mitten in einem Gespräch, das so gut war, dass ihr beide zu spät zum nächsten Termin kamt. 

Bei mir ist es unter anderem das Schreiben. Ich „verschwinde“ praktisch in der Aufgabe, statt neben ihr herzulaufen und ständig auf die Uhr zu schauen. Es läuft einfach und lässt die Welt um mich herum für eine gewisse Zeit verschwinden.

 

Warum das kein netter Zufall ist, sondern ein Warnsignal oder ein Kompass

Hier kommt der leicht unbequeme Teil. Wenn dieser Zustand bei dem, was du beruflich tust, niemals eintritt, nicht einmal ansatzweise oder nicht einmal an einem guten Tag, dann ist das kein Charakterzug, mit dem man einfach leben muss wie mit kalten Füßen im Winter. Das ist eine Information. Und zwar eine ziemlich laute.

Ich bin überzeugt, würde ich meine Zeit mit Dingen verbringen, die mich nicht in diesen Zustand versetzen können, würde ich mein Potenzial buchstäblich verschwenden. Nicht dramatisch verschwenden, nicht in Flammen aufgehen, sondern eher so, wie man Wasser verschwendet, wenn man den Hahn beim Zähneputzen laufen lässt. Unauffällig in dem Moment, aber über Jahre gerechnet eine ganze Menge.

Ich wäre in bester Gesellschaft, denn genau das ist es, was so viele Menschen beschreiben, wenn sie über ihren Job sprechen. Ein diffuses Unwohlsein, das sich nicht an einem einzelnen schlechten Tag festmachen lässt, sondern an tausend Tagen, an denen einfach nichts eingerastet ist. 

Kein Flow, kein Vergessen, nur ein ständiges Hinschauen auf die Uhr, ob die acht Stunden nicht bald vorbei sind. Man muss dafür nicht einmal unglücklich sein. Man ist einfach nur… na ja, anwesend und funktioniert. Das ist auf Dauer erstaunlich anstrengend.

 

Die Sache mit der Bedienung in Eutin

Ich war also, ohne es zu merken, komplett ins Schreiben abgetaucht. So sehr, dass eine Bedienung an meinen Tisch kam und mich etwas fragte. Wahrscheinlich, ob ich noch etwas trinken möchte, oder ob mit dem Essen alles in Ordnung war, ich habe bis heute keine Ahnung.

Ich habe sie nicht gehört, nicht mal ansatzweise. Kein „Wie bitte?“, kein Kopfheben, gar nichts. Ich war einfach “nicht da”, obwohl mein Körper unverändert auf dem Stuhl saß. Erst als sie mich sanft anstupste und fragte, ob alles in Ordnung sei, „kehrte ich zurück”. Sie hat sich ernsthaft Sorgen gemacht. Als hätte sie einen Gast entdeckt, der mitten im Satz eingeschlafen ist oder schlimmeres. Ich fand das irgendwie amüsant.

Ich habe „Ja, alles gut“ gesagt und mich für ihre Fürsorge bedankt. Danach ist mir erst richtig aufgefallen, wie skurril die Situation eigentlich war. Ein völlig fremder Mensch macht sich mehr Sorgen um meinen Zustand als ich selbst in diesem Moment, weil ich schlicht zu beschäftigt damit war, glücklich zu sein.

 

Andere Beispiele, in denen sich Flow einstellen kann

Falls du gerade denkst, na gut, schön für dich mit deinem Restaurant und deiner Kellnerin, aber was hat das mit mir zu tun? Daher sind hier ein paar weitere Türen, durch die der Flowzustand gerne hereinspaziert:

Die Handwerkerin, die eine komplizierte Holzverbindung fräst und danach nicht mehr weiß, ob eine oder drei Stunden vergangen sind. 

Der Programmierer, der um Mitternacht plötzlich merkt, dass er seit dem Mittagessen nichts getrunken hat, weil ein Bug ihn komplett gefangen genommen hat. 

Die Mutter, die mit ihrem Kind ein Puzzle baut und für zwanzig Minuten vollständig vergisst, dass irgendwo noch ein Handy mit vierzehn ungelesenen Nachrichten liegt. 

Der Hobbygärtner, der Unkraut jätet und danach sagt, das sei fast meditativ gewesen, obwohl er eigentlich nur Unkraut gejätet hat.

Das Muster ist immer dasselbe: eine Aufgabe, die genau schwer genug ist, um zu fordern, aber nicht so schwer, dass sie überfordert. Und ein Kopf, der aufhört, sich selbst dabei zuzuschauen, sondern einfach in die Sache eintaucht.

 

Kennst du solche Momente auch?

Jetzt bist du dran. Momente, in denen du die Zeit und die Welt um dich herum einfach ausgeblendet hast, hattest du die in letzter Zeit? Und falls ja, bei was? Bei der Arbeit, die du eigentlich für Geld machst? Oder eher nebenbei, in dem, was andere „Hobby“ nennen und du insgeheim für das Einzige hältst, das sich wirklich richtig anfühlt?

Falls dir gerade nichts einfällt, dann lade ich dich ein, genau das als Ausgangspunkt zu nehmen. Nicht als Grund zur Panik. Sondern als kleinen, freundlichen Stups, so wie ihn mir die Bedienung in Eutin gegeben hat. Manchmal muss man eben erst angestupst werden, um zu merken, dass gerade etwas nicht stimmt oder, wie in meinem Fall, dass gerade alles genau richtig ist.

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